Biologische Vielfalt am Beispiel Apfel und Birne

Stand: 10/09/2013
Herbstzeit ist Erntezeit – ist Apfel- und Birnenzeit. Und man stellt fest: Apfel ist nicht gleich Apfel, Birne nicht gleich Birne. Es gibt eine sehr große Vielfalt an Apfel- und Birnensorten, die uns leider nicht im Supermarkt begegnet, sondern eher beim Obstbauern oder beim Selbstsammeln auf der Streuobstwiese.

Diese biologische Vielfalt - im Fachausdruck „Biodiversität“ - bereichert nicht nur unsere Küche, sondern macht auch unsere Erde reich.


Biodiversität – Vielfalt des Lebens

Der Begriff der Biodiversität umfasst zum einen die Vielfalt an Ökosystemen und Lebensräumen wie zum Beispiel das Wattenmeer, Heidelandschaften, den Steillagenweinbau oder Streuobstwiesen, zum anderen die genetische Vielfalt innerhalb einzelner Tier- und Pflanzenarten.
Diese Vielfalt des Lebens ist das „natürliche Kapital unseres Planeten“ (Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen). Doch diese Vielfalt erfährt tagtäglich einen Schwund.
Ein wesentlicher Teil der biologischen Vielfalt auf der Erde ist die so genannte Agrobiodiversität, die Vielfalt der in der Land-, Forst-, Fischereiwirtschaft genutzten Pflanzen und Tiere. Sie bildet die Basis der Produktion unserer Nahrungsmittel und ist somit das Fundament der Welternährung der Menschen.
Agrobiodiversität umfasst nicht nur die zurzeit tatsächlich genutzten Pflanzen und Lebewesen, sondern auch potentiell nutzbare Wildarten sowie alte, nicht mehr genutzte Kulturpflanzen und Tierrassen, die in nationalen und internationalen Genbanken unter großem Aufwand vor dem Aussterben bewahrt werden. Genbanken leisten damit einen wichtigen Beitrag zum Schutz der genetischen Ressourcen und liefern den Genpool zur Züchtung von verbesserten Pflanzen und Tierrassen der Zukunft, die angesichts der weiter dramatisch steigenden Weltbevölkerung und der Klimaänderungen mit Sicherheit noch dringend gebraucht werden.

Doch allein der Erhalt der Genressourcen in gut sortierten Genbanken reicht nicht. Die Menschen haben durch Ackerbau, Obstbau und Viehhaltung seit je her auch Kulturlandschaften geprägt und damit neue Lebensräume für die Pflanzen- und Tierwelt geschaffen.

Sie haben ferner durch Jahrtausende lange Züchtungsarbeit Kulturpflanzen und Tierrassen auf eine Vielfalt unterschiedlicher Standortbedingungen und Wirtschaftsformen angepasst. Die Nutzung standortoptimierter Landsorten und Landrassen kann somit zur besseren Ausreifung von gesunden Lebensmitteln sowie zur Reduzierung von Pflanzenschutzmitteln oder Tierarzneimitteln führen.


Vielfalt im Geschmack

Nicht zuletzt ist die Vielfalt auch immer eine Bereicherung des Speiseplans. Leider ist das Angebot zum Beispiel bei Gemüse- oder Obstarten bedingt durch Vorgaben des nachfragenden Lebensmitteleinzelhandels und der Lebensmittelindustrie stark begrenzt.
So sind beispielsweise in Deutschland etwa 3000 Apfelsorten bekannt. Nur etwa 30 Sorten werden in größerem Umfang vermarktet. In den Supermärkten stehen häufig sogar nur fünf bis sechs Sorten zur Auswahl. Dies sind in der Regel ‚Jonagold’, ‚Elstar’, ‚Golden Delicious’, ‚Braeburn’, ‚Gala’ und ‚Boskoop’. Bei etwa 2500 bekannten Birnen ist das Sortiment in Supermärkten oft nur auf ein bis zwei druckunempfindliche Sorten beschränkt, z.B. ‚Abate Fetel’ oder ‚Conference’.
Hingegen bieten Direktvermarkter in ihren Hofläden oder auf Wochenmärkten meist eine deutlich größere Bandbreite und auch regionaltypische Apfel- und Birnensorten. Gegenüber der standardisierten Massenware bieten diese kulturhistorischen Sorten einen ungeheuren Abwechslungsreichtum und besondere kulinarische Genüsse.

Einen kleinen Eindruck finden Interessierte hier: Obst-Sortendatenbank
(im Internet unter www.obstsortendatenbank.de, Zugriff 04.10.2013)

Ein groß Teil der regionalen Kernobstsorten sind allerdings auch Mostäpfel und Mostbirnen, die vornehmlich für die Saftherstellung geeignet sind.


Gesundheitliche Vorteile

Aus ernährungsphysiologischer Sicht haben alte, kulturhistorische Sorten ein hohes gesundheitliches Potential gegenüber den neu gezüchteten Sorten.
Viele alte Apfel- und Birnensorten, besonders die Mostsorten, haben einen hohen Polyphenolgehalt. Polyphenole gehören zu den sekundären Pflanzenstoffen und können das Risiko von Darmkrebs und Herzkreislauferkrankungen senken. Ein hoher Polyphenolgehalt ist erkennbar am herb-säuerlichen Geschmack sowie am schnellen Bräunen nach dem Anschneiden der Frucht.

Aus vielen neueren Züchtungen sind diese Eigenschaften herausgezüchtet und damit aber auch gleichzeitig der Polyphenolgehalt gemindert.
Ähnlich dem Vitamingehalt ist auch der Gehalt an Polyphenolen nicht nur sortenabhängig. Die Entwicklung der sekundären Pflanzenstoffe wird generell auch durch Standort, Klima, Erntezeitpunkt und Lagerbedingungen des Obstes beeinflusst und kann dementsprechend sehr stark schwanken.

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass Apfelallergiker einige alte Apfelsorten, wie ‚Alkmene’, ‚Goldparmäne’ und ‚Berlepsch’ manchmal vertragen, während marktgängige Apfelsorten wie ‚Golden Delicious’, ‚Granny Smith’ oder ‚Jonagold’ ein hochgradiges Unverträglichkeitspotential aufweisen. Hierzu hat der BUND Lemgo eine Online-Erhebung von und für Allergiker gestartet und macht für die Verträglichkeit alter Apfelsorten, gemäß wissenschaftlicher Studien wiederum den erhöhten Polyphenolgehalt verantwortlich. Eine Ernte zum Zeitpunkt der optimalen Pflückreife sowie die fehlende Behandlung mit Pflanzenschutzmitteln könnten laut BUND weitere Begründungen einer besseren Verträglichkeit sein.

Durch die verschiedenen Erntezeitpunkte und die unterschiedlichen Zeitpunkte der Genussreife lokaler Apfelsorten haben wir die Chance, fast das ganze Jahr über schmackhafte Äpfel aus heimischem Anbau zu essen.
Lange lagerfähig, bis in den Mai hinein, sind zum Beispiel ‚Ontario’, der ‚Rheinische Winterrambur’, aber auch marktgängige Sorten wie ‚Elstar’ und ‚Braeburn’.
Relativ lange lagerfähige „Winterbirnen“ sind beispielsweise ‚Alexander Lukas’ oder die ‚Gräfin von Paris’.


Saft ist nicht gleich Saft

Bei Apfelsäften, dem Lieblingssaft der Deutschen, macht es einen Unterschied, ob man beispielsweise einen naturtrüben Apfel-Direktsaft aus regionalem Streuobstanbau oder einen klaren Apfelsaft aus Konzentrat trinkt. Apfelsaftkonzentrate werden zum großen Teil in Polen oder auch in China und anderen Ländern erzeugt. Vielfach werden Konzentrate unterschiedlicher Herkunft und Geschmacksausprägung zusammen mit natürlichen Aromastoffen für die Produktion von fertigen Apfelschorlen oder Apfelsaftgetränken mit einem standardisierten Geschmack verwendet. Dagegen kann in Direktsäften der Säuregehalt und somit der Geschmack je nach Sorte und Jahresklima schwanken.

Naturtrübe Säfte enthalten durch die Trubstoffe mehr Polyphenole als klare Säfte. Säfte aus Mostäpfeln und Mostbirnen haben in der Regel zehnmal höhere Polyphenolgehalte als Säfte aus Tafelobst (siehe oben).

Birnen und Birnensäfte sind meist säureärmer als Äpfel und werden daher auch gerne in der Stillberatung empfohlen.


Regionale Streuobstinitiativen

Zur Zeit erleben die typischen Mostapfel- und Birnensorten aus dem traditionellen Streuobstanbau in zahlreichen bundesweiten Streuobst-Initiativen eine Renaissance. Das Land Rheinland-Pfalz hat diesbezüglich im Rahmen des Entwicklungs-Programms „Agrarwirtschaft, Umweltmaßnahmen, Landentwicklung“ (PAUL) ein Förderprogramm für den Streuobstanbau aufgelegt. Zudem haben sich Verbände wie der BUND und der NABU, aber auch zahlreiche Garten- und Obstbauverbände sowie private Liebhaber dem Erhalt der Streuobstwiesen als „Biotope“ sowie dem Erhalt der Obstsortenvielfalt verschrieben.

Mit regionalen Marketingkonzepten versuchen die Initiativen den Bestand an Streuobst in einer Region dadurch zu sichern, dass sie den Erzeugern einen wirtschaftlichen Anreiz zur Pflege der Obstbestände bieten. Dies geschieht oft in Zusammenarbeit mit einer örtlichen Kelterei, die einen regionalen, etwas höher im Preis liegenden Obstsaft auf den heimischen Markt bringt.

Der qualitätsbewusste Verbraucher schätzt an einem solchen Produkt die Naturreinheit, die Herkunftstransparenz, die regionale Identität und nicht zuletzt auch das individuelle Geschmackserlebnis.
Die Entscheidung für einen regionalen Streuobstsaft versus einem anonymen Saft aus Konzentrat ist ein kleines Puzzleteil im Rahmen einer nachhaltigen Ernährungsweise.


Quellen und weiterführende Literatur:





Annette.Conrad@dlr.rlp.de     www.Ernaehrungsberatung.rlp.de drucken nach oben