Streuobstwiese sorgfältig planen

Bedingt durch die langen Standzeiten sollte in die Planung von Streuobstwiesen etwas Zeit und Energie gesteckt werden, denn nachträgliche Korrekturen sind nicht oder nur mit deutlichen Verlusten möglich. Worauf zu achten ist, erläutert Dr. Jürgen Lorenz vom DLR Rheinpfalz.



Nachpflanzungen sind für einen Erhalt der Streuobstflächen zwingend erforderlich.
Die Pflege muss aber gewährleistet sein.
Foto: Dr. J. Lorenz


Etablierte Streuobstbestände in unserer Region stammen meist aus den 1930er bis 1950er Jahren.
Damit sind sie in der Basis bereits 60 bis 80 Jahre alt und haben ihre Vollertragszeit oftmals überschritten. Hier sind Ersatz und Neupflanzung dringend erforderlich. Streuobstflächen gelten mit einer sehr hohen Artenzahl als bedeutender Lebensraum unserer mitteleuropäischen Kulturlandschaft. Durch die Kombination von Bäumen auf Grünland können Streuobstflächen als Agroforstkultur mit mehreren Nutzungsoptionen an einem Ort definiert werden. Die zweifelsfrei wichtigsten Aspekte der Nutzung sind Obstertrag und Unternutzung durch Mahd oder Weide, also klassische Formen der Grünlandnutzung. Sekundär und heute i. d. R. in Vergessenheit geraten ist die Nutzung des anfallenden Schnittholzes als Hausbrand oder zur Befeuerung der Backhäuser im Dorf.

Je nach Baumbestand können Streuobstwiesen als lichte Gehölze mit Unterwuchs oder aber als Steppenfläche mit einzelnen aufstehenden Bäumen gesehen werden. Als Biotopkomponenten finden wir „Grünland“ und „offene Gehölze“. In der ökologischen Sichtweise sind es sehr reich strukturierte Flächen mit unterschiedlichsten und teilweise extremen Lebensräumen, die eine Basis für den sehr hohen Artenreichtum darstellen.
Zur allgemein schon hochwertigen Flächenstruktur des Grünlands kommen bei Streuobstwiesen die Elemente von alten, knorrigen und solitär stehenden Bäumen hinzu. Hier bieten schon alleine Stamm und Äste ganz unterschiedliche Lebensräume für Flechten, Moose, Insekten, Käfer, Spinnentiere und andere. Diese Bereiche wiederum sind je nach Ausrichtung schattig und eher feucht oder sonnenexponiert heiß und trocken ausgeprägt. Unabhängig von den verschiedenen Sichtweisen sind die Flächen hochwertige und auf Dauer geplante Habitate, die zur Vielfalt und Vernetzung in unserer Landschaft beitragen können.

Frühere Generationen wussten sehr genau, in welcher Lage welche Obstart am besten kultiviert werden konnte. Bei den alten Streuobstbeständen profitieren wir noch heute von diesem Wissen. Je nach Art können die großkronigen Obstbäume eine Lebenserwartung von 60 bis 200 oder mehr Jahren haben. Zwetschen und Pflaumen sind im Allgemeinen relativ kurzlebig, Birnbäume hingegen sehr langlebig. Äpfel sind in Abhängigkeit der Sorte im Mittelfeld anzusiedeln. Obstbäume waren früher ein hochwertiges Gut. Bis auf sehr wenige Ausnahmen sind es Kulturpflanzen, die den richtigen Standort brauchen und gepflegt werden müssen. Die Pflege ist in jungen Jahren immer intensiver nötig als bei etablierten Altbäumen. Eine kontinuierliche Pflege verlängert aber die Lebenserwartung der Bäume deutlich.
Gerade aufgrund der langen Standzeit sollten wichtige und grundlegende Aspekte vor einer Neuanlage
von Streuobstflächen geklärt werden.

Grundsätzlich sollte im Vorfeld klar sein, welche Nutzung der Früchte vorgesehen ist. In der Ertragsphase können die Flächen deutlich über 50 kg Frucht pro Baum erbringen, Apfel und Birne gar bis zu 250 kg oder mehr. Streuobst dient i. d. R.als Wirtschaftsobst sowie für den Eigenbedarf im Haushalt. Entsprechend schränken die zu erwartenden Erträge die Anzahl der erforderlichen Bäume einer Art evt. ein oder aber reduzieren das Sortenspektrum auf eine einheitliche Reifezeit


Eine Baumallee aus Streuobst bietet Vernetzung in der Landschaft und
reduziert die Windgeschwindigkeit. Foto: Dr. J. Lorenz

Fruchtnutzung
Bei der Verarbeitung der Früchte in der Brennerei zu Destillaten sind breit streuende Reifezeiten oftmals nicht zielführend.
Hier werden für die Maischeherstellung größere Mengen an Früchten einer Obstart, die in guter Qualität zu jeweils einem Termin zur Verfügung steht, gebraucht. Viele Keltereien beginnen ihre Saison erst ab Mitte September, weil die späteren Sorten eine bessere innere Qualität aufweisen.
Für frühe Sorten fehlt in diesem Fall dann die Verwertung. Ein weiterer Aspekt ist neben der Reifezeit auch die Lagerfähigkeit der Früchte. Steinobst, beispielsweise Kirsche und Pflaume, kann nicht lange gelagert und muss schnell verarbeitet werden. Wenn keine großartige Verwertung der Früchte möglich ist, kann es daher sinnvoll sein, eher wenige Bäume für den eigenen Bedarf und Sorten mit stark unterschiedlicher Reifezeit zu wählen. Dadurch können der Erntezeitraum und die Verfügbarkeit der Früchte über mehrere Wochen gestreckt werden. Aber auch hier sollte die zu erwartende Erntemenge berücksichtigt werden.

Apfelbäume sind in vielen Regionen die Hauptart im Streuobst. Sie lassen sich leicht kultivieren, viele Sorten gut lagern und die Früchte vielfältig verwerten. Für Äpfel aus Streuobst besteht durchaus ein Markt, weil diese problemlos zu Saft oder Viez verarbeitet werden können. Birnen sind durch oftmals geringe Lagerfähigkeit und eingeschränkte Nutzungsmöglichkeiten ambivalent zu sehen. Gerade bei Birnen sollte daher die Fruchtnutzung im Vorfeld geklärt sein. Keltereien kaufen sehr selten Birnen. Hier besteht allerdings eine interessante Verwertung der Früchte in der Brennerei mit der Produktion von aromatischen und hochwertigen Destillaten. Bei Apfel und teilweise auch Birne ist ein Schwerpunkt auf Herbstsorten (Ernte September) und Spätsorten (Ernte Oktober) zu prüfen, weil diese qualitativ hochwertiger als die Frühsorten sind. Letztere sind nur als Frischobst, ggf. als Konservenfrucht geeignet, weil die Haltbarkeit nur wenige Tage bis ca. drei Wochen beträgt.


Viele Apfelsorten lassen sich gut lagern und
die Früchte vielfältig verwerten. Foto: Dr. J. Lorenz


Standort
Oftmals werden für die Neuanlage schlechte Grenzertragsstandorte gewählt. Dies mag für die Entwicklung von Grünlandtypen, z. B. Kalkmagerrasen oder Vernässungsflächen, zielführend sein. Für Obstbäume scheiden solche Standorte wegen Trockenheit, geringer Nährstoffverfügbarkeit oder Staunässe i. d. R. aber aus. Geeignete Streuobstflächen sind eher tiefgründige nährstoffreiche und frische Böden. Auf diesen Flächen entwickelt sich Grünland vom Typ der Glatthaferwiesen. Obstgehölze sind nur auf guten Böden ertragreich.

Ein gewisser Spielraum ergibt sich durch die Wahl der Obstart, weil diese unterschiedliche Bedürfnisse zeigen. Birnen mögen eher warme Standorte. Deren Sämlingsunterlagen können durch die typischen Pfahlwurzeln tiefere Bodenschichten erschließen, so dass trockenere Standorte in Frage kommen können. Süßkirschen benötigen gut durchlüftete Böden, während Zwetschen auch auf frisch feuchten Böden wachsen. Für Apfel sind die extremen Standorte ungeeignet. Gute Lagen sind tiefgründig und zeigen eine ausgeglichene Wasserführung. Windoffene Lagen können geeignet sein, weil dort eine schnellere Abtrocknung der Blätter erfolgt und Pilzinfektionen, z. B. Schorf, seltener stattfinden. Ein Vorerntefruchtfall oder Schlagschäden an den Früchten können in solchen Lagen jedoch stärker ausgeprägt sein. In extrem südexponierten Lagen sind früher Austrieb und Blüte oft durch Spätfröste gefährdet, im Sommer setzt hier Trockenheit und Hitze den Bäumen zu. Anbaubeschränkung aufgrund derHöhenlage gibt es in Rheinland-Pfalz nicht, dennoch sollten für Mittelgebirgslagen eher robuste Sorten gewählt werden.



Die offene Baumscheibe ermöglicht ein gutes Wachstum.
Die Nährstoffe kommen dem Jungbaum zugute.
Foto: Dr. J. Lorenz


Sortenwahl und Pflanzenqualität
Zahlreiche Baumschulen bieten ein relativ breites Sortiment an geeigneten Sorten für den Streuobstbereich an. Hier gibt es so genannte Standardsortimente auf stark wachsenden Unterlagen, die aus zertifiziertem virusfreiem Vermehrungsmaterial angezogen wurden und deren Frucht- und Ertragseigenschaften bekannt sind. Auch im Standardsortiment gibt es regionale Schwerpunktsorten, wie z. B. die Luxemburger Renette, der Wiesenapfel oder der Eifler Rambour und der Mautapfel im Neuwieder Becken.Parallel zu diesem Angebot sind pomologisch Interessierte ständig auf der Suche nach verschollenen, sehr seltenen oder kleinräumig regional verbreiteten Sorten.
Diese Herkünfte sind i. d. R. nicht zertifiziert, gleichwohl hat deren Erhalt auch seine Berechtigung. Bei einer Neuanlage sollte die Sortenwahl nach der Nutzung und Intention vorgenommen werden. So wird man für die Mostobstnutzung eher gleichmäßig tragende und robuste Verarbeitungssorten wählen, als Museumspflanzung evtl. die seltensten Herkünfte, weil diese als kulturhistorisch wertvoll gelten. Das Pflanzmaterial sollte den Qualitätskriterien des Bundes deutscher Baumschulen entsprechen und die Sortenechtheit gesichert sein. Schwache Baumschulbäume schwächeln meist auch nach Pflanzung in der Obstwiese. Die Baumanzucht als Hochstamm dauert bis zu vier Jahre. Selbst eine Kopfveredelung braucht ein Jahr Vorlauf. Bei kurzfristiger Bestellung seltener Sorten ist dann schnell ein Etikett geschrieben, um den Kunden bedienen zu können. Bei speziellen Sortenwünschen also eher langfristig planen, so dass in der Baumschule eine gute Arbeit gemacht werden kann. Grundsätzlich gilt: Pflanzenkauf ist Vertrauenssache.

Flächenpflege
Bei Streuobstflächen muss zunächst die Etablierung des Baums im Vordergrund stehen. Hier sind die ersten acht bis zehn Jahre als entscheidend für das gesamte Leben des Baums zu sehen. In dieser Zeit muss der Baum einen stabilen Stamm, eine tragfähige Krone und ein gut verzweigtes Wurzelwerk bilden. Erst dann ist er in der Lage, den Unterwuchs soweit zu unterdrücken, dass die Konkurrenz verringert wird. Für die Herstellungspflege sind pro Baum und Jahr etwa 60 Minuten als Arbeitszeitaufwand anzusetzen. Geschieht diese Pflege nicht, befindet sich der Baum bereits nach wenigen Jahren in seiner Altersphase, kümmert dauerhaft oder stirbt ab. Ein Triebwachstum der Leitäste von 30 bis 50 cm jährlich ist in den ersten Jahren anzustreben. Dies kann gelingen durch großräumige Baumscheiben und eine Nährstoffgabe in diesem Bereich. Auch Agrarumweltmaßnahmen erlauben organische Dünger im Baumscheibenbereich. Ebenso sollte angedacht werden, die Wasser- und Nährstoffkonkurrenz im Umfeld des jungen Baums durch kurzgehaltenen Unterwuchs zu reduzieren.

Bei Teilnahme am Förderprogramm EULLa ist diese selektive Maßnahme jedoch mit den zuständigen Beratern abzustimmen, weil dies nicht mit dem vorgegebenen Termin im Einklang steht. Ein Großteil der Fläche kann spät gemäht und bei Bedarf ausgemagert werden. Wobei auch hier deutlich sein muss, dass Obstgehölze Kulturpflanzen sind, die ein Mindestmaß an Pflanzennährstoffen benötigen. Bei etablierten Beständen erscheint diese intensive Pflege nicht zwingend nötig. Gerade bei Ausgleichsflächen wird diese frühe Basisarbeit zur Etablierung meist leider nicht nachgehalten.
Die punktuelle Nährstoffgabe im Bereich der Bäume muss nicht zwingend im Gegensatz zur erwünschten Ausmagerung der gesamten Fläche stehen. Für die Baumentwicklung ist eine Düngung auf ca. 3 % der Fläche erforderlich. Damit sollte das Ziel von artenreichem Grünland und wünschenswertem Jungbaumwachstum auf einer Fläche vereinbar sein.Streuobst hat seine Bedeutung durch Vielfalt der Sorten, unterschiedliche Struktur der Flächen und zahlreiche Nutzungsmöglichkeiten. Diese werden durch vielfältige Pflege und kleinräumige Bewirtschaftung erhalten und gefördert. Damit bleiben immer auch Rückzugsgebiete bestehen und nutzbare Nahrungshabitate werden geschaffen.

Fazit
Streuobstflächen legen wir heute für unsere Kinder und Enkel an, so wie wir von den Pflanzungen unserer Väter profitieren.
  • Neupflanzungen sollen gewissenhaft geplant werden, weil die Bäume ein hohes Alter erreichen.
  • Obstarten, Sortenwahl und Baumzahl an der vorgesehenen Fruchtnutzung ausrichten.
  • bei Verarbeitung der Früchte: Größere Mengen mit ähnlicher Reifezeit
  • bei Selbstversorgung: Breite Streuung, um einelange Verfügbarkeit zu gewährleisten.

Die rheinland-pfälzische Sortenempfehlung ist im Internet unter www.gartenakademie.rlp.de (Suchbegriff „Streuobstsorten“) zu finden oder kann per Mail an die Adresse streuobst@dlr.rlp.de angefordert werden.
  • Für den Standort geeignete Obstarten wählen.
  • Baumbestellung in der Baumschule wegen Sortenverfügbarkeit frühzeitig vornehmen.
  • Pflegebedarf in den ersten Standjahren beachten.
  • Nährstoff- und Wasserkonkurrenz für die jungen Bäume durch Baumscheibe und niedrigen Unterwuchs minimieren.
  • Aufbau eines stabilen und tragfähigen Kronengerüsts gewährleisten.


Download: RBZ_Streuobst_S 011_Streuobstwiese sorgfältig planen.pdfRBZ_Streuobst_S 011_Streuobstwiese sorgfältig planen.pdfRBZ_Streuobst_S 012_Streuobstwiese sorgfältig planen 2.pdfRBZ_Streuobst_S 012_Streuobstwiese sorgfältig planen 2.pdfRBZ_Streuobst_S 013_Streuobstwiese sorgfältig planen 3.pdfRBZ_Streuobst_S 013_Streuobstwiese sorgfältig planen 3.pdf



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