Zöliakie, Weizenallergie und Weizensensitivität
Leitlinie Zöliakie veröffentlicht

Stand: 11/14/2014
Im April 2014 hat die Deutsche Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen e.V. (DGVS) in Zusammenarbeit mit der Deutschen Zöliakiegesellschaft erstmals eine Leitlinie Zöliakie veröffentlicht. Sie beschreibt die Krankheitsbilder Zöliakie, Weizenallergie und Weizensensitivität und gibt konkrete Handlungsanweisungen für die Diagnostik und Behandlung der Krankheiten bei Kindern und Erwachsenen.


Zöliakie

Die Zöliakie ist eine angeborene Autoimmunerkrankung gegen das Klebereiweiß Gluten. Glutenhaltige Nahrungsmittel führen bei den Betroffenen zu entzündlichen Veränderungen der Dünndarmschleimhaut. Dadurch kommt es zu Beeinträchtigungen in der Nährstoffverwertung und damit auch zu einer ungenügenden Versorgung des Körpers mit diversen Nährstoffen, zu Bauchschmerzen und Durchfällen. Die Zöliakie kann in jedem Alter auftreten, allerdings gehäuft im Alter zwischen neun Monaten und drei Jahren sowie nach dem 4. Lebensjahrzehnt. Die Symptome sind uneinheitlich und teilweise unspezifisch, wie Müdigkeit, Schlaflosigkeit, Depressionen, Konzentrationsstörungen. Nach Angaben der DGVS leiden schätzungsweise 4 von 1000 Menschen an einer Zöliakie. Experten gehen davon aus, dass die Erkrankung bei vielen Menschen unerkannt bleibt. Nicht erkannt und unbehandelt kann die Zöliakie bei Kindern zu Wachstums- und Entwicklungsstörungen, bei Erwachsenen zu anderen Autoimmunerkrankungen, Depressionen, Osteoporose und auch zu Tumoren im Dünndarm führen. Um dem entgegen zu wirken, spricht sich die Leitlinie Zöliakie für ein weitreichendes Screening aus: Standardisierte Untersuchungsverfahren sollen nicht nur bei typischen Symptomen (z.B. Bauchschmerzen, massige Stühle, Blähbauch, Appetitlosigkeit sowie Wachstumsstillstand und verzögerte Pubertät bei Kindern/ Jugendlichen) sondern auch bei einem erhöhten Risiko durchgeführt werden. Ein solches besteht unter anderem bei erstgradig Verwandten von Zöliakie-Patienten oder auch bei Menschen mit Diabetes Typ 1 oder mit Schilddrüsenerkrankungen.

Die Zöliakie kann nur über eine streng glutenfreie Ernährung behandelt werden, unabhängig von der Ausprägung der Symptomatik. Es gibt keine Alternative dazu. Und die Krankheit besteht lebenslang.
Informationen: Zöliakie

Die Leitlinie öffnet die glutenfreie Ernährung für Hafer und daraus hergestellte Produkte. Entscheidend ist, dass der Hafer nicht mit glutenhaltigem Getreide kontaminiert ist. Patienten sollten ausschließlich Hafer verwenden, der den Hinweis „glutenfrei“ oder das Symbol der durchgestrichenen Ähre auf der Packung trägt. Eine enge Abstimmung zwischen Patient und behandelndem Arzt ist gleichfalls erforderlich. Treten Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen und weichere Stühle auf, so muss deren Ursache abgeklärt werden.


Weizenallergie

Weizen löst von allen Getreidearten am häufigsten eine Allergie aus. Wurde bei Kleinkindern eine Weizenallergie diagnostiziert, so kann sich diese allerdings auch bis zum Schulalter wieder verlieren.

Wie bei der Zöliakie liegen der Weizenallergie immunologische Reaktionen zugrunde. Sie richten sich ausschließlich gegen verschiedene Eiweiße im Weizenkorn, nicht in anderen Getreidearten. Die Symptome der Weizenallergie sind vielfältig und können Mund, Nase, Augen, Rachen, die Haut, die Lunge oder den Magen-Darm-Trakt betreffen.
Die Zöliakie und die Weizenallergie müssen voneinander unterschieden werden. Wenn eine Zöliakie ausgeschlossen ist, dann empfiehlt die Leitlinie zur Diagnostik einer Weizenallergie vorrangig
  1. das Führen eines Beschwerdetagebuches
  2. die Bestimmung von spezifischen IgE Antikörpern gegen Weizen
  3. einen Haut-Pricktest mit Weizen.
Für die klare Diagnostik einer Weizenallergie ist darüber hinaus, so die Leitlinie, die Besserung oder das Verschwinden der Beschwerden bei weizenfreier Ernährung sowie eine positive so genannte doppelblinde, plazebokontrollierte, orale Nahrungsmittelprovokation erforderlich (unter ärztlicher Kontrolle).

Wird die Weizenallergie eindeutig festgestellt, so müssen Betroffene weizenfrei essen.


Weizensensitivität

Die Weizensensitivität ist streng genommen eine Nicht-Zöliakie-Nicht-Weizenallergie-Weizensensitivität. Das Krankheitsbild der Weizensensitivität kann noch nicht eindeutig beschrieben werden. Sicher ist jedoch, dass es keine allergische und keine autoimmune Erkrankung ist, der Verzehr weizenhaltiger Speisen dennoch zöliakieähnliche Symptome verursachen kann wie Magen-Darmbeschwerden und auch Beschwerden außerhalb des Gastrointestinaltraktes, zum Beispiel Kopfschmerzen, Müdigkeit, Lethargie, Muskelbeschwerden, Knochen- und Gelenkschmerzen u.v.m.. Die Häufigkeit der Weizensensitivität wird auf ein bis fünf Prozent der Bevölkerung geschätzt. Als Auslöser für eine Weizensensitivität werden neben Gluten so genannte ATIs und FODMAPs diskutiert.
ATI steht für Amylase-Trypsin-Inhibitoren. Diese Eiweiße kommen in glutenhaltigen Getreidearten (Weizen, Gerste, Roggen) vor, in modernen Getreidesorten in höherem Maße als in älteren Sorten. ATIs haben im Getreidekorn die Aufgabe, deren Resistenz gegenüber Schädlingen zu stärken. Im menschlichen Körper verstärken sie möglicherweise bestehende Entzündungsreaktionen.
FODMAPs sind natürlicherweise in Nahrungsmitteln vorkommende Kohlenhydrate. Es handelt sich um nicht resorbierbare „Fermentierbare Oligo-, Di- und Monosaccharide und (and) Polyole“. [FODMAPs kommen in Hülsenfrüchten, verschiedenen Obst-, Gemüse- und Getreidearten einschließlich Weizen vor.] Bei rund 20 Prozent der Menschen, bei denen eine weizenfreie Ernährung zu einer Besserung der Beschwerden führt, kann eine Unverträglichkeit gegen die sonst unschädlichen FODMAPs vorliegen.

Es gibt zurzeit keine eigenen Diagnosekriterien für die Weizensensitivität. Zunächst muss gesichert sein, dass Zöliakie und Weizenallergie als Ursache ausgeschlossen werden können. Dann sollte geprüft werden, ob sich die Symptome durch weizenfreie Ernährung bessern oder verschwinden und im nächsten Schritt, ob sie bei erneutem Verzehr von Weizen wieder auftreten.
Die Unterscheidung zwischen der Weizensensitivität und der Zöliakie bzw. Weizenallergie ist wichtig, weil sich die Diätempfehlungen und die Prognose unterscheiden. Patienten mit Weizensensitivität sollten eine glutenfreie Ernährung einhalten. Möglicherweise kann sie weniger streng sein als bei der Zöliakie. Ein Beschwerdetagebuch sollte geführt werden.


Fazit

Die Leitlinie richtet sich in erster Linie an Ärzte und hat neben der Zöliakie auch die Weizensensitivität und die Weizenallergie zum Thema. Sie informiert über den aktuellen Kenntnisstand der drei Krankheitsbilder. Mit ihr haben die beteiligten Experten verschiedener Fachgebiete erstmals eine verbindliche Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Zöliakie veröffentlicht. So soll unter anderem die Dunkelziffer an Erkrankungen verringert, eine gute Versorgung von Zöliakie betroffenen Personen erreicht und mögliche Folgeschäden reduziert werden. Es wird aber auch das Augenmerk auf andere Formen der Weizenunverträglichkeit gelenkt, um eine bestmögliche Versorgung der Betroffenen zu erzielen.


Quellen und weitere Information


Download: S2k_Zoeliakie_05_2014.pdfS2k_Zoeliakie_05_2014.pdf



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