Trinken, Schule und Gesundheit
Ernährungsberaterin Ruth Davin empfiehlt regelmäßiges Trinken während des Schulalltags

Was und wie viel sollen Kinder eigentlich wirklich trinken? Und in welchen Getränken versteckt sich unnötig viel Zucker?

Bei der Pädagogischen Werkstatt im Rahmen des Programms "Was(ser)erforschen" der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung Anfang September beantwortete Ruth Davin (Foto rechts) diese und andere Fragen. Sie ist Ernährungsberaterin beim Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Westpfalz.

Hier das Interview:
Frage:
Trinken im Unterricht: Soll das erlaubt sein oder nicht? Wie sehen Sie das?
Antwort:
Es sollte durchaus erlaubt sein. Doch möchte ich gerne differenzieren. Zum einen muss entschieden werden, was getrunken werden darf. Empfehlenswert sind solche Getränke, die dem Körper des Kindes bzw. Jugendlichen auch wirklich Wasser zur Verfügung stellen können. Genussgetränke wie Limo, Cola und andere so genannte Softdrinks kommen dafür nicht in Frage. Trinkwasser, Mineralwasser und ungesüßte Tees (nicht schwarzer Tee) sind ideale Flüssigkeitslieferanten.
Zum anderen scheint mir wichtig, wie in der jeweiligen Klasse mit dem Trinken im Unterricht umgegangen wird. Je nach Klassenzusammensetzung kann ständiges Trinken oder sogar eine Art häufiges Nuckeln an entsprechenden Flaschenaufsätzen die Runde machen. Dann erhält das Trinken in den Pausen den eindeutigen Vorrang. Vielleicht ist in solchen Klassen die Einführung kurzer Trinkpausen sinnvoll.

Frage:
Woran liegt es wohl, dass das Trinken an vielen Schulen im Unterricht verboten ist?
Antwort:
In vielen Fällen mag die herausragende Bedeutung der regelmäßigen, über den Tag verteilten Flüssigkeitszufuhr nicht bekannt sein. Dieses Bewusstsein wird erst zunehmend entwickelt oder gepflegt. Die Einführung von Trinkgewohnheiten in der Schule stellt zudem einen weiteren Auftrag an die Lehrkräfte, an die in unserer schnelllebigen Gesellschaft bereits etliche undefinierte Ansprüche herangetragen werden.
Dann sind da die erfahrenen Ablenkungen oder sogar Störungen im Unterricht wegen zu häufigem Trinken, Verbreitung ungesunder Getränke, Verschütten von Getränken usw. Hier helfen oft klare Regeln über das „Was“ und „Wie“.

Frage:
Was sind denn Ihre Erfahrungen, wenn es um‘s Trinken im Unterricht geht?
Antwort:
In Grundschulen klappt das angeleitete Trinken beim gemeinsamen Frühstück ganz gut, wie ich bei Projekteinheiten miterleben kann. Gut ist es dann, wenn die Kinder geeignete Getränke von zu Hause mitbringen. Leider musste ich aber auch schon öfter feststellen, dass gezuckerte Fruchtsaftgetränke in die Schule mitgenommen werden.
Besonders gut gefällt es mir in Schulen, in denen Kinder Leitungswasser in Literbehälter abfüllen und in die Klassenräume oder zum Mittagstisch bringen. Das motiviert nach meiner Beobachtung Kinder zum Trinken, weil sie abwechselnd verantwortlich sind für das Wasserholen und sich selbst den Becher voll schütten. Zugegeben, in diesen Schulen wird das Wasser in Automaten aufgesprudelt.
In weiterführenden Schulen stelle ich bei Projekt- oder Workshoparbeiten fest, dass die jungen Menschen dort häufig gesüßte und Genussgetränke zu sich nehmen.
Ich hatte selbst vor wenigen Jahren an einer Berufsbildenden Schule unterrichtet und dabei die Erfahrung gemacht, dass das Trinken im Unterricht von Wasser oder verdünnten Saftschorlen (Wasser und Saft im Verhältnis 3 zu 1) und die Verbannung der Softgetränke in die Pausen nur mit Kontinuität in den Aussagen und Konsequenz von Seiten der Lehrkräfte durchsetzbar ist.

Frage:
Was sind Ihrer Meinung nach die zentralen Schritte, um das Trinken in der Schule zu fördern bzw. überhaupt erst zu etablieren? Was muss man konkret tun?
Antwort:
Lehrkräfte von der Wichtigkeit des Trinkens überzeugen und damit für die Umsetzung in der Schule motivieren. Multiplikatorenmäßig einfache Maßnahmen verbreiten, also Wasserautomaten aufstellen,
evtl. auch Getränkeautomaten mit Mineralwasser, Schorlen (wobei solche mit besserem Wasserverhältnis noch zu suchen sind) zum Selbstkostenpreis aufstellen, Verteilung von Leitungswasser mit Schülern organisieren, evtl. in einer Einführungsphase Eltern für die Bereitstellung von Mineralwasser oder das Betreiben einer Getränkebar einbeziehen, um bei Schulträger und Sponsoren Überzeugung z.B. für die Investition in Wasserautomaten oder notwendige räumliche Voraussetzungen zu erzielen.

Frage:
Können Lehrer den Kindern anmerken, wenn sie zu wenig trinken?
Antwort:
Leider sind die Anzeichen wie Müdigkeit, Unkonzentriertheit, Leistungsminderung, Kopfschmerzen unspezifisch, sie können auch andere Ursachen haben. Doch es ist stark anzunehmen, dass viele dieser Beobachtungen durch ausreichendes Trinken von geeigneten Getränken zumindest abgeschwächt werden können.

Frage:
Wie wichtig ist das Trinken tatsächlich für die Konzentration und Leistungen im Unterricht?
Antwort:
Gescheites (richtiges) Trinken -wie zuvor besprochen- soll dem Körper Wasser liefern. Wasser ist das Transport- und Lösungsmittel im Stoffwechsel. Der Betriebsstoff für das Gehirn ist Glukose (Traubenzucker), die mit dem Blut (wasserhaltiges Medium) ins Gehirn gelangt. Die Gehirnleistungen haben Priorität und bei Flüssigkeitsmangel wird unter Umständen durch leicht verminderte Fließgeschwindigkeit des Blutes die Glukose der Steuerzentrale Gehirn etwas verzögert zugeführt. Ich will hier keine übertriebene Bedrohlichkeit aufbauen, aber so eine mehr oder weniger zehrende Pufferleistung der menschlichen Physiologie muss ja nicht sein, wenn kontinuierlich verteilt Wasser aufgenommen wird.

Frage:
Müssen die Lehrer allein dafür sorgen, dass Trinken im Unterricht etabliert wird - oder können die Kinder eingebunden werden? Können Sie Beispiele nennen, wie Kinder beteiligt werden können?
Antwort:
Bei den komplexen Aufgabenerwartungen, die heutzutage an Lehrer gestellt werden, scheue ich mich davor, Lehrer allein für richtiges Trinken im Unterricht sorgen lassen zu wollen. Dem einzelnen Lehrer bzw. dem kompletten Lehrerkollegium einer Schule kommt aus meiner Sicht die zündende Aufgabe zu, für richtiges Trinken in der Schule einzustehen, die Eltern so weit wie möglich mit ins Boot zu holen und so für die richtige Getränkeauswahl in der Schule mit zu sorgen. Das könnten gute Voraussetzungen für Trinken im Unterricht und für sinnvolles Mitmachen der Schüler sein.
Bezüglich der Beteiligung der Kinder bzw. Schüler haben wir schon Beispiele besprochen, wie das Herbeiholen von Wasserkrügen, die mit Leitungswasser -evtl. an einem Trinkautomat etwas aufgesprudelt- von Schülern gefüllt und in den Klassenraum gebracht werden. Die Kinder füllen sich daraus dann ihren Becher selbst.
Ideen, die mir gerade einfallen, ich aber so noch nicht in einer Schule gesehen habe, könnte die Einrichtung einer Wasser-Bar, besonders für Sekundarstufen I und II, sein, oder mit Mehraufwand wäre vielleicht auch das Zubereiten von Tee-Cocktails in den Klassen oder abwechselnd von Schülergruppen in einer Teeküche anzustreben.

Vielen Dank, Frau Davin, für Ihre wertvollen Tipps und interessanten Anregungen.


Link:
Informationen zum Programm Was(ser)forschen





Ruth.Davin@dlr.rlp.de      drucken nach oben