Pangasius – der umstrittene Fisch

Stand: 06/08/2016
Quasi grätenfrei, kalorienarm, kaum Fischgeruch, kaum Fischgeschmack und außerdem sehr günstig. Aus diesen Gründen gewann der Pangasius in Deutschland große Beliebtheit, vor allem bei der Verpflegung von Kindern. Noch vor zwanzig Jahren waren Exoten wie Tilapia, Red Snapper oder eben Pangasius kaum bekannt. Nahezu kometenhaft eroberten sie seither die hiesigen Fischmärkte, vorne weg der Pangasius, der mittlerweile unter den fünf beliebtesten Speisefischen rangiert. Dieser schnellwachsende Süßwasserfisch gehört zu der Familie der Welse. In der Fischbranche wird er allerdings aufgrund seines geringen Eigengeschmacks eher belächelt und als „swimming chicken“ oder als preisgünstiger „Panade-Halter“ abgetan.

Die hamburgische Außenstelle des Max-Rubner-Instituts (MRI), die Fischimporte kontrolliert, hat Pangasius eine gesundheitliche Unbedenklichkeit attestiert, auch wenn dabei bemängelt wird, dass die Qualität bezüglich Nährwertgehalt und Sensorik sehr stark variiert. Aus Sicht des Umweltschutzes ist die Pangasiuszucht jedoch nicht immer einwandfrei.


Aufgedeckte Mängel in der Pangasiuszucht

Rund 90 Prozent der weltweiten Pangasiusproduktion entstammen dem Mekong-Gebiet in Vietnam, wo mehrere Hundert private Fischunternehmen den Exportschlager in künstlich angelegten Teichen und Becken intensiv züchten, und das lange Zeit ohne angemessene Umweltauflagen und Kontrollen.

Die zweiteilige ARD/ NDR-Dokumentation „Die Pangasius-Lüge“ über die Fischzucht am Mekong verdarb 2011 so manchem Pangasius-Liebhaber den Appetit. Die NDR-Autoren Michael Höft und Christian Jentzsch waren im November 2010 mit der Biologin Catherine Zucco, einer Fischereiexpertin des World Wildlife Fund (WWF), im Mekong-Gebiet unterwegs und hatten über dramatische, umweltbelastende Zustände berichtet. Aufgrund dieser Zustände hatte der WWF im Herbst 2010 den Pangasius aus konventioneller Zucht in seinem Fischratgeber auf die rote Liste gesetzt.

Die im Film beschriebene „Pangasius-Lüge“ bestand aus mehreren Verbrauchertäuschungen. Zum einen wurde dem Verbraucher vorgegaukelt, dass der Zuchtfisch direkt aus dem schnell fließenden Gewässer des Mekong-Flusses stamme. Diese kleine Unrichtigkeit erscheint zunächst harmlos, zumal die Teiche und Becken aus dem Wasser des Mekongs gespeist werden. Der Skandal zeigte sich allerdings in der gänzlich ungeregelten Haltungsform und in den Auswirkungen der intensiven Teichwirtschaft. In den vietnamesischen Teichbecken werden bis zu 300 Fische pro Quadratmeter Wasserfläche gezüchtet, das entspricht einem Mehrfachen des in Europa erlaubten Fischbesatzes. Bei dieser Dichte ist das Risiko von Infektionen hoch. Hinzukommt, dass kaum Barrieren zwischen den Zuchtbecken vorhanden sind, die die Ausbreitung von Krankheiten verhindern könnten. Daher mischt man auf den Pangasius-Farmen zur Vorsorge Antibiotika in das Fischfutter. Außerdem kommen Chemikalien wie Desinfektionsmittel oder Algenvernichtungsmittel zum Einsatz. Nicht immer ist der Einsatz von solchen Zusätzen professionell und zielgerichtet. Die mit Medikamenten, Fischfäkalien und Chemikalien versehenen Abwässer werden aus den Fischereibetrieben zumeist wieder ungeklärt in den Mekong geleitet, aus dem sich flussabwärts die Bewohner mit Trinkwasser versorgen. Nicht zu vergessen sind auch die negativen Einwirkungen auf die übrige Tierwelt in diesem Flusssystem.

Eine weitere Verbrauchertäuschung besteht darin, dass bei der Pangasiusverarbeitung, durch wasserbindende Zusätze beim Waschvorgang das Gewicht der Fischfilets erhöht wird. Dieses Aufblähen des Fisches mit Wasser erklärt auch, warum Pangasiusfilets an Fischgeschmack verloren haben. Nach Aussagen des MRI können die Wassereinlagerungen im Filet in manchen Fällen sogar mehr als 30 Prozent des Gewichts ausmachen. Der Eiweißgehalt des Fisches ist dadurch erheblich erniedrigt und beträgt manchmal nur etwa die Hälfte dessen, was zu erwarten wäre. Als wasserbindende Stoffe dienen die als gesundheitlich unbedenklich eingestufte Zitronensäure sowie Abkömmlinge der Phosphorsäure. Sie sind prinzipiell für Fischprodukte zugelassen und legal, so lange sie als sogenannte Stabilisatoren in der Zutatenliste auf der Verpackung mit ihren chemischen Bezeichnungen oder mit den E-Nummern E450, E451 oder E452 gekennzeichnet sind. Doch bei der Filmdokumentation wurden auch nicht deklarierte Filets ausfindig gemacht, bei denen im Labor wasserbindende Substanzen nachgewiesen werden konnten. Bei diesen wasserbindenden Stoffen geht das MRI nicht von einem gesundheitlichen Risiko aus, dennoch empfiehlt das Institut, Pangasius mit Bio-Label zu kaufen, um eine naturbelassene Ware in guter Qualität zu erhalten

Letztlich räumte der Film mit der Legende auf, die Pangasiuszucht würde helfen, die Überfischung der Meere zu verhindern. In der Dokumentation wurde beim Fischfutter bemängelt, dass dessen Herkunft oft nicht rückverfolgbar ist. Zudem zeigten Aufnahmen aus Fischmehlfabriken viele Jungfische im Beifang und lassen deshalb die Gefährdung von Wildfischbeständen vermuten. Bei dem Ausmaß der Aquakultur mit mehr als einer Million Tonnen Pangasius pro Jahr und einem Bedarf von etwa einem Kilogramm Futterfisch pro Kilogramm Pangasius darf der Aspekt der Sicherung der Wildfischbestände nicht weiter außer Acht gelassen werden, zumal auch bekannt ist, dass gerade die Schlankwelse, zu denen der Pangasius gehört, neben Fischmehl auch pflanzliche Futterquellen nutzen könnten.


Der Einfluss des WWF auf die Pangasiuszucht in Fernost

Die zahlreichen Negativberichterstattungen hatten dazu geführt, dass der Pangasiusexport nach Deutschland merklich eingebrochen ist. Auch in anderen Ländern wurde man auf die Missstände aufmerksam. Die Fischereiwirtschaft in Vietnam war gezwungen, auf ihren schlechten Ruf zu reagieren. Es kam schon ab 2010 zu Verhandlungen über die Produktionsmethoden zwischen der vietnamesischen Regierung, Vertretern der Pangasius-Industrie und der Umweltorganisation WWF. Ziel des WWF war die Umstellung auf Standards nach dem vom WWF selbst mitentwickelten ASC-Zertifikats für umweltfreundliche Aquakulturen. Ca. 100 messbare Kriterien wurden im Pangasiusstandard aufgeführt. Es sollte beispielsweise festgelegt werden, dass der Einsatz von Nährstoffen, Medikamenten und Chemikalien strikter reguliert wird und dass Abwässer und Schlamm nicht mehr ungeklärt in umliegende Gewässer eingeleitet werden dürfen. So könnte sich die Wasserqualität in der Flusslandschaft wieder verbessern und Wildfischbestände wären durch die Minimierung von Wildfischanteilen im Pangasiusfutter geschützt.
Die Verhandlungen brachten im Ergebnis, dass sich die vietnamesische Seite verpflichtete, die komplette Pangasiusindustrie auf umweltfreundlichere Produktionsmethoden umzustellen. Bis 2015 sollten wenigstens 50 Prozent der Pangasiuszucht auf die festgelegten ökologischen Standards umgestellt sein. Im Gegenzug nahm der WWF den Pangasius von seiner roten Liste und führte in seinem Fischratgeber eine neue Kategorie ein: „Zucht in Umstellung auf Umweltstandard“. Da die Umwandlung der konventionellen Aquakultur auf eine Produktion nach ökologischen Kriterien Zeit beansprucht, hat der WWF den fernöstlichen Produzenten eine mehrjährige Frist gewährt, innerhalb der er darauf verzichtet, explizit vom Kauf von Pangasius abzuraten.

Diese gewährte Frist und die Empfehlung des WWF, Pangasius mit ASC-Zertifikat oder in Bio-Qualität zu kaufen, birgt eine enorme Chance für den Naturschutz am Mekong. Die konventionell wirtschaftende Pangasiusindustrie braucht zur Umstellung die Perspektive, weiter an deutschen, europäischen oder amerikanischen Märkten teilhaben zu können. Wenn sie nur noch hierzulande mit Siegel Fische absetzen kann, ist dies ein mächtiger Anreiz, ihre gesamte Produktionspraxis nachhaltig zu verbessern. Diese Entwicklung steht und fällt mit der weiteren Nachfrage der westlichen Verbraucher.


Kennzeichen einer nachhaltigen Pangasiuszucht

Der WWF hat im Jahr 2009 im Rahmen der „WWF-Aquaculture Dialogues“ zusammen mit der niederländischen Sustainable Trade Initiative IDH das ASC-Zeichen für verantwortungsvolle Fischzucht entwickelt. ASC steht für Aquaculture Stewardship Counsil. Es gilt als Pendant zum Marine Stewardship Counsil (MSC)-Zeichen der Hochseefischerei.
Der WWF räumt selbst ein, dass das ASC-Label kein "Premium"-Label sei, wie beispielsweise die Naturland-Zertifizierung für Zuchtfische. Die ASC-Standards sind das Resultat aus einem Verhandlungsprozess mit einer Vielzahl von Teilnehmern und sind somit lediglich eine Kompromisslösung aller Interessengruppen. Beispielsweise wird kritisiert, dass das ASC-Zeichen den Einsatz von Fischmehl oder Fischöl sowie von gentechnisch verändertem Soja zur Fütterung zulässt.

Als Kennzeichen einer nachhaltigen Aquakultur unter strengeren Auflagen sollte auf ein in Europa anerkanntes Bio-Label geachtet werden, dazu raten auch der WWF und das MRI.

Ferner sei auch auf das AquaGAP-Label verwiesen, das von der Schweizer Bio-Stiftung herausgegeben wurde. AquaGAP ist ein Zertifizierungsprogramm für Gute Aquakultur Praxis, das für Nachhaltigkeit und Lebensmittelsicherheit in Aquakulturbetrieben bürgt und mittlerweile alle Aquakultur-Spezies zertifiziert. Auch vietnamesischen Pangasius gibt es mit AquaGAP-Siegel.

Ausblick

Das von den Verhandlungspartnern gesetzte Ziel, 50 Prozent der Pangasiuszucht nachhaltig zu produzieren war 2015 noch nicht erreicht. Immerhin durften bis zur Jahreshälfte 2015 schon 40 vietnamesische Betriebe das ASC-Siegel tragen. Der WWF wird den weiteren Prozess der Umstellung regelmäßig überprüfen.
Das Marktvolumen an in Bio-Qualität gezüchtetem und verarbeitetem Pangasius betrug 2015 nur bescheidene 0,2 Prozent des Gesamtabsatzes.

Auf globaler Ebene wird in der Aquakultur die Fischproduktion der Zukunft gesehen. Wenn heute schon die Weichen für eine nachhaltige Fischzucht gestellt werden können, vor allem in Ländern, in denen Umweltschutz nicht die oberste Priorität hat, dann sollten die Verbraucher, statt auf Schnäppchenjagd zu gehen, diese Umwandlungstendenz durch eine verantwortungsbewusste Nachfrage nach zertifizierten Fischen unterstützen.


Quellen





Annette.Conrad@dlr.rlp.de     www.Ernaehrungsberatung.rlp.de drucken nach oben