Faktencheck: Ist die Kapstachelbeere eine Stachelbeere?

Stand: 05/29/2013
Seit einigen Jahren ist die Kapstachelbeere (Physalis) in fast jedem gut sortierten Lebensmittelgeschäft erhältlich. Man erkennt sie eindeutig an ihrer pergamentartigen Hülle.
Die Kapstachelbeere sorgt für Verwirrung im Obstregal. Ist sie eine neue Art von Stachelbeere? Unser Faktencheck klärt auf.


Die Kapstachelbeere

Physalis peruviana, Kapstachelbeere, Kapkirsche, Blasenkirsche oder Andenbeere – dies sind alles Bezeichnungen für ein und dieselbe Pflanze. Die orange-gelbe Frucht ähnelt einer Kirsche, wird aber überwiegend als „Kapstachelbeere“ bezeichnet, obwohl sie eigentlich aus den Anden stammt. Das klingt äußerst verwirrend. Zumindest ähnelt der aromatisch-säuerliche Geschmack in etwa dem Aroma der heimischen Stachelbeere.
Der geographische Widerspruch ist schnell erklärt. Ursprünglich stammt die Physalis aus Südamerika, doch weltbekannt wurde sie erst, als sie in großem Stil in Südafrika kultiviert und exportiert wurde. Hauptanbauländer sind heute Südamerika (vor allem Kolumbien), Südafrika, Kenia, Vorderindien, die USA, Australien und Neuseeland. Physalis-Früchte sind nichtklimakterisch, das heißt, sie reifen nach der Ernte nicht nach. Ihren höchsten Reifegrad bzw. ihr Optimum an Nährwerten und Geschmackseigenschaften erreichen sie, wenn sie tief-orange gefärbt sind. Zu früh geerntete, noch grünliche Kapstachelbeeren sind sauer und wenig aromatisch. Daher kommen die Physalis in der Regel per Luftfracht auf die deutschen Märkte. Da sie in den Hauptexportländern fast ganzjährig angebaut werden, kommen sie in Europa auch fast ganzjährig in den Handel. Die Hauptsaison der Einfuhr liegt allerdings in den Monaten zwischen Dezember und Juni.

Botanisch ist die Physalis peruviana ganz eng mit der Lampionblume (Physalis alkekengi) verwandt, die wir als rothülsige, einer Papierlaterne ähnelnden Zierpflanze in vielen Gärten kennen, deren ausgereifte Früchte jedoch giftig sind.

Beide Physalisarten, die essbare und die ungenießbare, sind krautige Pflanzen und gehören wie die Kartoffel und Tomate in die Familie der Nachtschattengewächse (Solanaceae). Es besteht keinerlei botanische Verwandtschaft mit der europäischen Stachelbeere (Ribes grossularia).


Die europäische Stachelbeere

Die heimischen Stachelbeeren stammen aus der Familie der Steinbrechgewächse. Diese bissfesten Beeren wachsen in der Regel auf Kleinsträuchern oder werden gelegentlich auch auf Ernte erleichternden, stammbildenden Unterlagen veredelt. Es werden entsprechend ihrer Fruchtfarbe rote, gelbe und grüne Stachelbeeren unterschieden, die in zahlreichen Stachelbeersorten variieren und sowohl glatte als auch leicht pelzige Früchte haben können.


Die Unterschiede

Nicht nur in der Pflanzengattung, auch in ihrer Verwertung und in ihrem Nährwertgehalt unterscheiden sich die beiden Früchte. .
Die Physalisfrucht wächst im Inneren einer Blütenkelchkapsel heran, deren grüne, pergamentartigen Kelchblätter dann beim Heranreifen der Frucht zu filigran geäderten Hüllen eintrocknen und eine fahle Braunfärbung annehmen. Die getrockneten Blätter werden bei der Vermarktung der Früchte nicht entfernt, denn gerade mit ihren Kelchblättern wird die Physalis überwiegend als Dekoration von Desserts, Drinks oder Anrichteplatten verwendet. Auch als Belag auf Kuchen und Torteletts isst man die Früchte meistens in rohem Zustand. Ihr Geschmack ist leicht süß-säuerlich.. Durch ihren hohen Pektingehalt ist die Physalis sehr gut zur Konfitürenherstellung geeignet.

Die heimische Stachelbeere kann zwar auch frisch verzehrt werden, wird aber aufgrund ihrer harten Außenhaut vor Verwendung oft erhitzt. Sie kommt meist als Kompott, als Dicksaft oder als Konfitüre auf den Tisch. Auch für einen Kuchenbelag oder ein Cremedessert werden die Beeren vorab von Stielen und Blütenansätzen befreit, gewaschen und zehn bis 15 Minuten geköchelt.
Die Früchte gelangen im Zeitraum von Juni bis Ende Juli zur Vollreife. Für die Verarbeitung werden sie jedoch bei normaler Witterung meist schon Ende Mai/ Anfang Juni „hartreif“ geerntet. Da die Beeren nicht lange lagerfähig sind, müssen sie nach der Ernte umgehend verarbeitet werden.

Ein Vergleich des Kalorien- und Nährstoffgehalts von Kapstachelbeere und europäischer Stachelbeere zeigt, dass die Kapstachelbeere etwa doppelt so viele Kohlenhydrate hat wie die europäische Stachelbeere und damit auch etwa doppelt so viele Kalorien. Beide Früchte leisten einen guten Beitrag zur Versorgung mit Kalium, Eisen und Vitamin C. Erwähnenswert ist auch der Gehalt an Beta-Carotin (Provitamin A) der Kapstachelbeere.
Durch den Zuckerzusatz hat die Konserve einen ähnlich hohen Kaloriengehalt wie die Kapstachelbeere. Die Zuckermenge kann bei eigener Kompottherstellung jedoch individuell reduziert werden, so dass der Energiewert dann unter dem in der Tabelle angegebenen Wert liegen würde.

Tabelle: Nährstoffvergleich (Auszug) zwischen Europäischer Stachelbeere (frische Früchte und Kompott, gezuckert) und Kapstachelbeere


Nährstoffe
Europäische Stachelbeere
Physalis
roh
Konserve
Energie
37 kcal
81 kcal
72 kcal
Kohlenhydrate
7 g
20 g
13 g
Ballaststoffe
3 g
2 g
2 g
Eiweiß
1 g
1 g
2 g
Fett
+
+
1 g
Kalium
200 mg
140 mg
180 mg
Eisen
0,6 mg
0,4 mg
1,3 mg
Vitamin C
35 mg
11 mg
28 mg
Vitamin B1
0,02 mg
0,01 mg
0,06 mg
Vitamin A (RÄ)
18 µg
9 µg
150 µg
Folsäure
19 µg
4 µg
8 µg

+ Spuren

Quelle:
Helmut Heseker, Beate Heseker: Die Nährwerttabelle, Neuer Umschau Buchverlag, Neustadt an der Weinstraße 2010
Ursel Wahrburg, Sarah Egert: Die große Wahrburg/ Egert Kalorien- & Nährwerttabelle, TRIAS Verlag, Stuttgart 2009


Fazit

Kapstachelbeere und Stachelbeere sind sowohl unter botanischen Gesichtspunkten als auch in ihrer Verwendung noch weniger vergleichbar als die sprichwörtlichen „Äpfel und Birnen“.
Die heimische Stachelbeere ist nur in einem begrenzten Zeitraum als Frischware auf dem Markt. Durch die übliche Verarbeitung verliert sie ihre ernährungsphysiologischen Vorzüge im direkten Vergleich mit der Kapstachelbeere.
Die Kapstachelbeere Physalis ist nahezu ganzjährig erhältlich. Auf Grund ihres dekorativen Äußeren wird sie bei uns vorzugsweise zu Dekozwecken verwendet. Wegen der notwendigen Ferntransporte ist die Ökobilanz der Exotin ungünstig.



Quellen
  • Günther Liebster: Warenkunde Obst und Gemüse, Band 1, Walter Hädecke Verlag, Weil der Stadt 2002
  • Waldemar Ternes, Alfred Täufel, Liselotte Tunger, Martin Zobel: Lebensmittellexikon, Behrs Verlag, Hamburg, 2005
  • Verband der Gartenbauvereine Saarland-Pfalz e.V. (Hrsg.): Unser Garten, Sonderdruck Landesgartenschau Bingen 2008





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